Eine neue Katze zieht ein.
Sie verschwindet unter dem Bett.
Tag eins.
Tag zwei.
Der Mensch beginnt zu denken:
„Wenn ich sie dort lasse, wird sie doch nie mutiger.“
Also schaut man hinein.
Lockt.
Streckt eine Hand hinein.
Vielleicht zieht man die Matratze ein Stück vor.
Man möchte Vertrauen aufbauen.
Dafür dringt man zunächst in den einzigen Ort ein, den die Katze gerade für sicher hält.
Das Konzept hat eine gewisse Spannung.
Verstecken ist nicht automatisch das Problem
AniCura beschreibt Verstecken nach Umzug oder Einzug ausdrücklich als häufige Reaktion. Katzen können Zeit brauchen, um eine neue Umgebung zu verarbeiten. Eine sichere Basis, weniger Reize und ein schrittweises Öffnen der Räume können helfen.
Auch die Cat-Friendly-Leitlinien der FelineVMA behandeln Verstecken in einer neuen oder stressigen Situation als normales Mittel, mit dem eine Katze Abstand, Sicherheit und Kontrolle gewinnt.
Das ist der Punkt, an dem menschliche Logik gern falsch abbiegt.
Wir sehen:
Katze versteckt sich.
Und machen daraus:
Verstecken muss verhindert werden.
Aber wenn die Ursache Angst ist, kann man das sichtbare Verhalten beseitigen und die Angst trotzdem behalten.
Man muss nur alle Verstecke schließen.
Statistisch sinkt die Zahl versteckter Katzen dann beeindruckend.
Das ist kein besonders guter Welfare-Indikator.
Was kann man stattdessen tun?
Einen überschaubaren sicheren Bereich anbieten.
Futter, Wasser und Toilette erreichbar platzieren.
Rückzug ermöglichen.
Lärm reduzieren.
Routinen berechenbar machen.
Nicht ständig kontrollieren, ob die Katze endlich Vertrauen hat.
Der erste Körperkontakt sollte bei einer vorsichtigen neuen Katze möglichst von ihr ausgehen. AniCura rät ausdrücklich dazu, die Katze nicht zu bedrängen und ihre Reaktion zu beobachten.
Das klingt passiv.
Ist es nicht.
Man gestaltet eine Umgebung, in der die Katze eine neue Information lernen kann:
Menschen sind da, und trotzdem passiert nichts Schlimmes.
Das ist ebenfalls Training.
Nur ohne PowerPoint.
Fortschritt sieht nicht immer nach Fortschritt aus
Eine Katze kommt heute 30 Zentimeter weiter heraus.
Morgen klingelt es und sie ist wieder unter dem Bett.
Das macht den gestrigen Tag nicht ungültig.
Lernen verläuft nicht wie die Fortschrittsanzeige eines Downloads.
Und manche Katzen werden nie zu Tieren, die jeden Besucher persönlich begrüßen.
Das muss kein Defekt sein.
Das Ziel ist nicht die maximal verfügbare Katze.
Das Ziel ist eine Katze, die in ihrem Zuhause sicher leben kann.
Wann sollte man mehr tun als warten?
Wenn eine Katze kaum frisst oder trinkt.
Wenn sie ihre Toilette nicht benutzt.
Wenn sie sich plötzlich versteckt, obwohl das vorher untypisch war.
Wenn weitere Krankheitszeichen dazukommen.
Oder wenn die Angst über längere Zeit so stark bleibt, dass normales Leben kaum möglich ist.
Dann gehört auch eine tierärztliche Abklärung dazu. Verstecken kann nicht nur Angst, sondern auch Schmerz oder Krankheit begleiten.
Eine ängstliche Katze braucht nicht unbedingt jemanden, der sie mutig macht.
Sie braucht womöglich eine Umgebung, in der sie immer seltener einen Grund hat zu fliehen.
Menschen nähern sich, weil sie Nähe herstellen wollen.
Bei Katzen kann ausgerechnet etwas Abstand der schnellere Weg sein.
Ein erstaunlich modernes Beziehungskonzept.