19:00 Uhr.
Die Katze muss eine Tablette bekommen.
Eine Tablette.
Klein.
Vielleicht acht Millimeter.
Der Mensch schaut sie an und denkt:
„Wie schwer kann das sein?“
19:03 Uhr.
Die Katze ist verschwunden.
19:07 Uhr – Phase 1: Diplomatie
Die Katze sitzt unter dem Bett.
Person A raschelt mit Leckerlis.
Die Katze kommt heraus.
Person B schließt die Tür.
Die Katze erkennt die geopolitische Lage.
Sie geht wieder unter das Bett.
19:12 Uhr – Phase 2: Tarnung
Die Tablette wird in etwas besonders Leckerem versteckt.
Die Katze schnuppert.
Sie frisst.
Der Mensch lächelt.
Im Napf bleibt eine kleine Tablette liegen.
Das umliegende Futter wurde chirurgisch entfernt.
Technisch eine beeindruckende Leistung.
Medizinisch nicht das Ziel.
AniCura empfiehlt tatsächlich, zunächst mit der Tierarztpraxis zu klären, ob ein Medikament mit Futter gegeben werden darf und ob eine Tablette zerdrückt oder in Wasser aufgelöst werden darf.
Das ist wichtig.
Nicht jede Tablette ist ein beliebig rekonfigurierbares Lebensmittel.
Die richtige Frage lautet also nicht:
„Kann man Tabletten zermahlen?“
Sondern:
„Darf ich genau dieses Medikament in genau dieser Form zerdrücken oder mit Futter geben?“
Die Antwort kommt vom behandelnden Tierarzt.
Nicht aus einem Video mit 2,4 Millionen Aufrufen.
19:27 Uhr – Phase 3: Upgrade der Tarnung
Jetzt kommt das Premiumfutter.
Die Katze nimmt einen Bissen.
Hält inne.
Sie schaut den Menschen an.
Noch vor zehn Minuten waren beide Familienmitglieder.
Jetzt sind sie Personen, die Medikamente in Abendessen verstecken.
Vertrauen ist volatil.
19:41 Uhr – Phase 4: Direktzustellung
Alles wird vorbereitet.
Ein Mensch hält die Katze.
Der andere hat die Tablette.
Plan:
Mund auf.
Tablette rein.
Schlucken.
Fertig.
Geplante Dauer: zwölf Sekunden.
Tatsächlicher Verlauf:
Die Katze dreht sich um 180 Grad.
Eine Vorderpfote wird frei.
Die zweite folgt aus Solidarität.
Die Tablette fällt auf den Boden.
Niemand weiß wohin.
Die Katze verlässt den Einsatzort.
Zwei Erwachsene suchen mit der Taschenlampe nach einem Gegenstand von acht Millimetern.
Die Patientin befindet sich inzwischen im Flur.
AniCura empfiehlt bei der Medikamentengabe vor allem Ruhe, Vorbereitung und die einfachste für Katze und Mensch funktionierende Methode. Eine vertraute Hilfsperson kann helfen.
Wenn die tägliche Gabe aber regelmäßig zum Ringkampf wird, gehört auch die Frage in die Praxis, ob es für das konkrete Medikament eine andere geeignete Darreichungsform oder Technik gibt.
Therapietreue ist schwer, wenn jeden Abend zunächst die Beziehung neu verhandelt werden muss.
20:06 Uhr
Die Tablette ist drin.
Die Katze putzt sich.
Die Erwachsenen sehen aus, als hätten sie einen kleinen Umzug durchgeführt.
Einer schaut auf den Medikationsplan.
Nächste Gabe:
morgen, 19 Uhr.
Diesmal sind sie vorbereitet.
Das haben sie gestern auch gesagt.