Kolumnen

Haben Katzen wirklich Angst vor Gurken?

Die Katze frisst.

Ein Mensch schleicht sich von hinten an.

Er legt eine Gurke direkt hinter die Katze.

Die Katze dreht sich um.

Springt erschrocken in die Luft.

Das Video geht viral.

Das Internet zieht den naheliegenden Schluss:

Katzen haben Angst vor Gurken.

So funktioniert Biologie normalerweise nicht.

So funktioniert das Internet durchaus.

Theorie Nummer eins: Die Gurke sieht aus wie eine Schlange

Lang.

Grün.

Liegt auf dem Boden.

Die Erklärung klingt gut genug, um tausendfach kopiert zu werden.

Pamela Perry vom Cornell Feline Health Center hält sie trotzdem nicht für überzeugend. Katzen hätten keine bekannte natürliche Gurken- beziehungsweise allgemeine Schlangenphobie; manche Katzen jagen sogar Schlangen.

Ihre einfachere Erklärung:

Die Katze reagiert auf ein plötzlich aufgetauchtes unbekanntes Objekt direkt hinter ihr.

Auch der Katzenforscher Dennis Turner und die Tierverhaltensmedizinerin Daphne Ketter bewerteten gegenüber Spektrum der Wissenschaft den Überraschungseffekt als zentraler als eine spezielle Gurkenangst.

Das Gemüse hat also möglicherweise jahrelang einen Ruf getragen, den eigentlich der Mensch verdient hätte.

Auffällig oft passiert das beim Fressen

Das macht die Videos besonders effektiv.

Die Katze befindet sich an einem bekannten Ort.

Sie frisst.

Sie erwartet dort keine neue Bedrohung unmittelbar hinter ihrem Körper.

Dann dreht sie sich um.

Stellen Sie sich vor, Sie essen in Ihrer Küche und jemand stellt lautlos einen unbekannten Gegenstand direkt hinter Ihren Stuhl.

Sie erschrecken.

Die korrekte Diagnose wäre vermutlich nicht:

chronische Zucchiniphobie.

Und manche Katzen reagieren überhaupt nicht

Auch das passt schlecht zur Idee eines universellen Gemüsefeindes.

Katzen unterscheiden sich in Temperament und Reaktion auf Neues. Manche erschrecken stark, manche deutlich weniger.

Eine Theorie, die nur funktioniert, wenn man die Tiere ignoriert, die nicht mitmachen, braucht eventuell noch Arbeit.

„Dann probiere ich es einfach bei meiner Katze“

Bitte nicht.

Cornell warnt ausdrücklich davor, Katzen für solche Videos absichtlich zu erschrecken. Ein stark erschrecktes Tier kann nicht nur das Objekt, sondern auch Ort, Futtersituation oder sogar den Menschen mit dem unangenehmen Ereignis verknüpfen.

Für einen Witz von acht Sekunden ist das ein ziemlich unnötiger Kaufpreis.

Aktuell gibt es keinen guten Grund, Gurken zum natürlichen Erzfeind der Hauskatze zu erklären.

Sehr viel plausibler ist:

Menschen legen einer fressenden Katze heimlich einen fremden Gegenstand direkt hinter den Körper.

Die Katze erschrickt.

Und anschließend fragt der Mensch:

„Warum hat meine Katze so komisch reagiert?“

Die Gurke war in dieser Geschichte möglicherweise die vernünftigste Beteiligte.

Beliebte Posts aus diesem Blog

89 Euro für ein Katzenbett. Die Katze schläft im Karton.

Sind Wohnungskatzen unglücklich? Selbst Tierschutzorganisationen antworten nicht mit einem Satz

Automatisches Katzenklo: Spart es Arbeit – oder erfindet es nur neue?